Brandenburgisches Ärzteblatt 8/2002  12. Jahrgang

 

Das Respiratorische Feedback nach Prof. Leuner

Gerhard S. Barolin

Verlag für Wissenschaft und Bildung Berlin,

190 S.

ISBN 3-86135-108-0

In einer Zeit der Anspannung ist Entspannung gefragt. In einer Zeit der Bedrohung ist Sicherheit nötig. In einer Zeit des Misstrauens ist Vertrauen ge­­sucht. Das Atem-Feedback verspricht im Kleinen das, was im Großen ebenfalls erforderlich ist, nämlich Entspannung, Sicherheit und Vertrauen.

Die 193 Seiten mit einigen Abbildungen und Übersichten lesen sich flüssig. Wenn die Muße reicht, macht es Freude, die meist gelungenen Falldarstellungen zu verfolgen. Im Rahmen einer Halt gebenden Arzt-Patient-Beziehung (Psychologe-Patient-Beziehung) kann Entspannung gelehrt, gelernt und verinnerlicht werden.

Was Respiratorisches Feedback (RFB) ist, beschreibt der österreichische Universitäts-Professor und Leiter einer Neurorehabilitativen Einrichtung, G.S. Barolin: „Es ist eine durch Leuner eingeführte Methode, der apparativ unterstützten Psychotherapie. Dazu werden Atemexkursionen über ein

einfaches Sensorsystem in Licht- und Geräuschesignale umgesetzt, so dass der Proband seinen eigenen Atemrhythmus als auf- und abschwellenden Lichtreiz mit gleichzeitig aufund abschwellendem Tonreiz, wählbar zwischen Orgelklang und Meeresrauschen sieht und hört.“

Barolin hebt sogleich den angestrebten „dritten menschlichen Grundzustand des Hypnoids“ (neben Wachen und Schlafen) als Heilfaktor hervor.

Die von dem Begründer des RFB stammenden Falldarstellungen und die kurzen und praktischen Instruktionen regen zum selber Anwenden an. Der Atem und die Achtsamkeit auf den eigenen Atem sind die zentralen Zugänge zur Entspannung. Das findet sich im Yoga,in meditativen Techniken, beim Autogenen Training nach J.H. Schulz und eben beim RFB wieder.

Prof.Dr.med. Hanscarl Leuner hat zwei bedeutsame Erfindungen gemacht. Zum einen begründete er das als tiefenpsychologisch fundiert anerkannte Psychotherapieverfahren der katathym imaginativen Psychotherapie und das apparativ unterstützte Entspannungsverfahren des Respiratorischen-Feedbacks.

Diese Verbindung ist bedeutsam, weil diese Biofeedback-Methode nur sinnvoll in einem psychotherapeutischen Gesamtrahmen oder zumindest in einem psychotherapeutischen Verständnisrahmen angewendet werden sollte.

Der Leser erfährt nicht nur von Leuner selber beeindruckende Fallberichte. Auch die Nervenärztin und Psychotherapeutin Helga Wätzig überrascht mit Therapieverläufen bei Kindern bereits ab 3 Jahren. Besonders erstaunlich sind ihre guten Erfahrungen mit dem RFB bei hyperkinetischen Kindern. Dass das

RFB bei psychosomatischen Störungen und in Krisensituationen hilft, glaubt man ja schon auf Grund der Erfolge bei Erwachsenen. Der Nervenarzt und Psychotherapeut Christoph Schenk vertieft die guten Erfahrungen mit Kindern.

Ein spezielles Erfahrungsfeld stellt der Schweizer Diplom-Psychologe A. Bergdorf vor, in dem er schwerstkranke Patienten prä- und postoperativ mit RFB erfolgreich begleitete – Angstminderung, fast keine Prämedikation vor der Operation usw.

Ein neurologischer Kollege (A. Horn) und ein Allgemeinarzt (H. Horinek) berichten, wie das RFB auch ohne spezielle Psychotherapieausbildung für psychosomatisch Kranke und bei Multipler Sklerose zum Wohle der Patienten angewendet werden kann.

Das RFB als Gruppentherapie wird von H. Hörnlein-Rummel dargestellt, einem Nervenarzt und Psychotherapeuten. Er beschreibt anschaulich das schrittweise Vorgehen beim Arbeiten mit der Gruppensituation.

Der Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Allgemeinmedizin, Wolfgang Loesch, betont den Erfolg des RFB in der Therapie von chronischen Schmerzpatienten.

Dass in Potsdam schon eine lange Tradition besteht, mittels einfacherer Biofeedback-Methoden in Verbindung mit dem Autogenen Training Patienten zu behandeln, erfährt der Leser nebenbei.

Die aktuelle Diskussion um die Schmerztherapie wird hier kurz ins Blickfeld gerückt.

Das kleine Buch rundet eine Darstellung der Geräte ab. Der interessierte Kollege kann sich umfassend informieren und die nicht mitgeteilten Preise via Telefon oder Internet leicht erfragen.

Es wirkt ansteckend, das gelbe Büchlein zum Atem-Feedback zu lesen. Diese wenig bekannte Methode der mit einem einfachen Gerät unterstützten Tiefenentspannung kann ein wichtiger Bestandteil einer ärztlichen und psychologischen Praxis sein. Ambulant, stationär oder im Reha-Bereich sind die Erfahrungen gut bis sehr gut. Eine zu wenig diskutierte Frage ist die Kombination von Richtlinien­psychotherapie (analytische Psychotherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Verhaltenstherapie) mit dieser Entspannungsmethode. Auch wie diese Methode in die  Ausbildungs­richtlinien für Psychiater oder den Facharzt für psychotherapeutische Medizin integriert werden kann, ist wohl einer späteren Auflage vorbehalten.

Ein empfehlenswertes Buch und eine empfehlenswerte Methode.

Stephan Alder, Potsdam