Impulse aus dem Inneren des Menschen lassen sich für die Therapie nutzen

Augen-Biofeedbackgerät bringt neue Hoffnung für Tinnitus-Patienten - Schmerzfrei mit mentalem Regenerationstraining

Von Ingomar Schwelz

„Ich fühle" sagt Adelheid Richter, von mal zu mal eine immer tiefere Entspannung und habe mein störendes Ohrgeräusch einfach vergessen." Mit sanften Bewegungen streift die junge Kindergärtnerin die Plastik-Maske mit den kleinen Elektroden vom Gesicht und legt den Kopfhörer ab. Wellenartig sei sie mit Hilfe des neuen Augen-Biofeedbackgeräts in eine Traumwelt eingetaucht, erzählt Adelheid Richter, tiefliegende Visionen seien hochgekommen.

Die Düsseldorfer Kindergärtnerin gehört zu jenen rund drei Millionen Deutschen, die akut unter Tinnitus leiden, jenen Ohrgeräuschen, die auf manche wie eine Folter wirken. Das Zischen, Pfeifen, Brummen, Brausen und Rauschen wird für viele zu einem schier unerträglichen inneren Lärm.

Jetzt soll der ausufernden Zivilisationskrankheit mittels modernster Computertechnologie auf der Basis fernöstlicher Heilweisheit Paroli geboten werden. „Der angespannte Patient", sagt Dr. Hartmut Berndt, „kann sich über die Rückkoppelung seiner Augenbewegungen schnell zur Ruhe bringen.

In Testreihen erkannte der angesehene Berliner Tinnitus-Experte, dass die Lautheitswahrnehmung der Ohrgeräusche und deren Frequenz bei seinen Patienten schnell sank, wenn sie über Kopfhörer ihren in Klängen umgewandelten Augenbewegungsmustern lauschten. Es gilt: Je größer die Aufgeregtheit, desto heftiger der Augenrhythmus und das Rauschen im Ohr.

Über seinen Willen kann der Patient die Klangspektren bis hin zu einem harmonischen Grundakkord steuern und damit seine Erregung beseitigen.

Die Betroffenen, die meist unter unbewältigtem Stress leiden, sehen sich nicht länger hilflos dem klingenden Wecker im Inneren ausgeliefert. Sie lernen, körperliche Vorgänge zu beherrschen, die nicht beherrschbar erschienen. Nach Berndts Testergebnissen reichen zwei mal 20 Minuten tägliches Biofeedback-Training über 2 Monate, um den Tinnitus „zügig in den Griff zu bekommen".

Der jetzt von der Wissenschaft immer deutlicher erkannte enge Zusammenhang zwischen den Reflexen des Auges und denen des Ohres ist die Basis des neuen Erfolg versprechenden Therapieansatzes. Die Patienten haben das Gefühl, dass sie ihre Krankheit selbst beeinflussen können – sie heilen sich in Eigenregie.

Die Rückmeldung der „Körpermusik" über die Augen scheint viel stärker beruhigend auf Tinnitus- und Schmerzpatienten zu wirken als andere Verfahren, wie das Spiegeln von Atemrhythmus, Hautwiderstandes, Muskelspannung oder anderer normalerweise nicht willentlich beeinflussbarer Körperfunktionen.

Für den Erfinder der neuen Biofeedback-Technologie ist das alles andere als Zufall. „Während beim bislang üblichen Biofeedback die rein physiologischen Prozesse wie die Atemfrequenz dem Patienten aufgezeigt wurden", meint der Berliner Informatiker Günter Stielau, „treten beim Augen-Biofeedback unbewusste mentale Dinge ins Bewusstsein. „Wohl nichts reflektiere das innere Erleben eines Menschen so deutlich, wie seine Augenbewegungen.

Dass sie ein Schlüssel zur Seele sind, wurde bereits Anfang der 80er Jahre in den USA erkannt – so wurden die posttraumatischen Angstsymptome von Vietnam-Veteranen mit Hilfe einer speziellen Augenbewegungstherapie gelindert.

Ob jemand während des Sprechens nach links oben, rechts unten oder auf einen Punkt starrt – zu jedem einzelnen erzählten Erlebnis gehört eine spezifische Blickrichtung. Informatiker Günter Stielau gelang es, die winzigen Spannungen, die die Augenmuskeln bei ihrer Bewegung erzeugen, in Töne umzusetzen, um Denkmuster „ablesen" zu können.

Dazu benutzte er in seinen ersten Tests einen Gehirnstrom (EEG)-Verstärker, der die Minnispannungen von Augenmuskeln aufzeichnen konnte und koppelte diesen mit einem Analogsynthesizer. Er stöpselte den Ausgang des EEG-Gerätes an den Eingang des Synthesizers und stellte angenehmes Rauschen ein. Das Rauschen veränderte sich mit der durch die Augenbewegung veränderten Ausgangsspannung des EEG-Verstärkers. Heute gibt es das Gerät im Westentaschenformat und verfügt über sechs verschiedene Grundklänge – vom Meeresrauschen bis zum Orgelton.

„Eine neue faszinierende Form des mentalen Regenerationstrainings", befand nicht nur Prof. Gerhart Unterberger vom Hildesheimer Institut für Therapie und Beratung. So wie der Biofeedback-Experte setzen mehr und mehr Mediziner auf das leicht handhabbare Hightech-Antistressgerät – nicht nur bei der Tinnitusbehandlung, sondern unter anderem auch in der Schmerztherapie, bei Bluthochdruck, Rückenmarksverletzungen oder Ischias. Das von ihm intensiv erprobte Selbstfindungstraining nennt Unterberger „computerunterstützte psychosoziale Beratung".

Und auch viele Psychotherapeuten erhoffen sich von der „elektronischen Hausapotheke" schnellere Erfolge. Denn nicht nur Trancezustände oder tiefe Entspannung bilden sich über die Augenbewegungen im Biofeedbackgerät ab, sondern auch Denkprozesse wie innere Bilder, Selbstgespräche oder Gefühle. Diese akustische Begleitung innerer Prozesse kann daher den Zugang zu unbewussten Schichten des Klienten ermöglichen.

Die Meditation per Maschine verspricht außergewöhnliche Erlebnisse. „Tief vergrabene Gedankenfetzen können in der spontanen Entspannung urplötzlich mit einem AHA-Effekt ins Bewusstsein treten", meint der Berliner Arzt Akos Tatar. Er schwört mittlerweile auf die computerunterstützte Psychotherapie, weil „uralte Konflikte in relativ kurzer Zeit gelöst werden können". Das Reflektieren der Augenbewegungen führe bei den Patienten zu einem Zustand innerer Harmonisierung, so dass sie zu generellen Verhaltensveränderungen bereit werden.

Erfinder Günter Stielau sieht sein Rückkoppelungsgerät unterdessen bereits als unentbehrliches Hilfsmittel gegen den Alltagsstress. „Sie kommen nach einem ermüdenden Arbeitstag mit 1001 Gedanken nach Hause", verspricht er, „setzten Kopfhörer und Maske auf und sind nach 20 Minuten wieder klar im Kopf.