Impulse aus dem inneren des Menschen lassen sich für die Therapie nutzen

Augen-Biofeedbackgerät bringt neue Hoffnung für Tinnitus-Patienten

      von Ingomar Schwelz

 

Der jetzt von der Wissenschaft immer deutlicher erkannte enge Zusammenhang zwischen den Reflexen des Auges und denen des Ohres ist die Basis der neuen erfolgversprechenden Therapieansatzes. Die Patienten haben das Gefühl, dass sie ihre Krankheit selbst beeinflussen können – sie heilen sich in Eigenregie.

Die Rückmeldung der „Körpermusik“ über die Augen scheint viel stärker beruhigend auf Tinnitus- und Schmerz­patienten zu wirken, als andere Verfahren, wie das Spiegeln von Atemrhythmus, Hautwiderstand, Muskelspannung oder andere normalerweise nicht willentlich beeinflussbare Körperfunktio­nen.

Für die Erfinder der neuen Bio­feed­back-Technologie ist das alles andere als Zufall.

„Während beim bislang üblichen Biofeedback die rein physiologischen Prozesse wie die Atemfrequenz dem Patien­ten aufgezeigt wurden“, meint der Berliner Informatiker Günter Stielau, „treten beim Augen-Biofeedback unbewusste mentale Dinge ins Bewusstsein. „Wohl nichts reflektiere dass innere Erleben eines Menschen so deutlich wie seine Augen­bewegungen. Dass sie ein Schlüs­sel zur Seele sind, wurde bereits Anfang der 80er Jahre in den USA erkannt – so wurden die posttraumatischen Angst­symptome von Vietnam-Vetera­nen mit Hilfe einer speziellen Augenbewegungstherapie gelindert.

 

Ob jemand während des Sprechens nach links oben, rechts unten oder auf einen Punkt starrt - zu jedem einzel­nen erzählten Erlebnis gehört eine spezifische Blickrichtung. Informatiker Günter Stielau gelang es, die winzigen Span­nun­gen, die die Augenmuskeln bei ihrer Bewegung erzeugen, in Töne umsetzen, um Denkmuster „ablesen“ zu können.

 

 Dazu benutzte er in seinen Tests einen Gehirnstrom, (EEG)-Verstärker, der die Minispan­nungen von Augenmuskeln aufzeichnen konnte und koppelte diesen mit einem Analogsythesizer . Er stöpselte den Ausgang des EEG-Gerätes an den Eingang des Sythesizers und stellte angenehmes Rau­schen ein.

Das Rauschen veränderte sich mit der durch die Augen­bewegung veränderten Aus­gangs­spannung des EEG-Ver­stärkers. Heute gibt es das Gerät im Westentaschenformat, es verfügt über sechs verschiedene Grundklänge – vom Meeres­rauschen bis zum Orgel­ton. „Eine neue faszinierende Form des mentalen Regenerations­

 

trainings“ befand nicht nur Prof. Gerhart Unterberger vom Hildesheimer Institut für Thera­pie und Beratung. So wie der Biofeedbackexperte setzen mehr und mehr Mediziner auf das leicht handhabbare Hightech-Antistressgerät – nicht nur bei der Tinnitusbehandlung, son­dern unter anderem auch in der Schmerztherapie, bei Bluthoch­druck, Nystagmus oder beim Burn-Out Syndrom. Das von ihm intensiv erprobte Selbstfin­dungs­­training nennt Unterberger „computerunterstützte psycho­soziale Beratung“.

Und auch viele Psychotherapeu­ten erhoffen sich von der „elektronischen Hausapotheke“ schnelle Erfolge. Denn nicht nur Trancezustände oder tiefe Entspannung bilden sich über die Augenbewegung im Biofeedbackgerät ab, sondern auch Denkprozesse, wie innere Bilder, Selbstgespräche oder Gefühle. Diese akustische Begleitung innerer Prozesse kann daher den Zugang zu unbewussten Schichten des Klienten ermöglichen. Die Meditation per Maschine verspricht außergewöhnliche Erlebnisse. „Tief vergrabene Gedankenfetzen können in der spontanen Entspannung urplötzlich mit einem Aha-Effekt ins Bewusstsein treten“. Meint der Berliner Arzt Akos Tatar. Er schwört mitlerweile auf die computerunterstützte Psychotherapie, weil „uralte Konflikte in relativ kurzer Zeit gelöst werden können“. Das Reflektieren der Augenbewe­

 

gun­gen führen bei den Patienten zu einem Zustand innerer Harmonisierung, so dass sie zu generellen Verhaltensveränderungen bereit werden.

Erfinder Günter Stielau sieht sein Rückkopplungsgerät unterdessen bereits als unentbehrliches Hilfsmittel gegen den Alltagsstress. „Sie kommen ach einem ermüdendem Arbeitstag mit 1001 Gedanken nach Hause“, verspricht er, „setzen Kopfhörer und Maske auf und sind nach 20 Minuten wieder klar im Kopf“.

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